RotzSchwul - Frankfurts radikale schwule Emanzipationsgruppe zwischen 1971 und 1975 (© 2013 Jannis Plastargias)

Die Rote Zelle Schwul, kurz „RotZSchwul“ genannt, war eine Gruppe von homosexuellen Männern in Frankfurt, die in der ersten Hälfte der Siebziger Jahre für die Sichtbarmachung von Homosexualität und die Emanzipation / Gleichberechtigung von Homosexuellen in Deutschland, insbesondere in Frankfurt, kämpfte.

„Der äussere Anlass war der Film von der Rosa von Praunheim, und wohl auch ein bisschen die Tatsache, dass sich in der BRD schon einige Gruppen gebildet hatten, und man davon gehört hatte. Das war so der unmittelbare Anlass; aber darüber hinaus halt ein Unbehagen mit der Situation." (Wackernagel, Barbara (1975): Die Gruppe Rotzschwul. Eine Analyse homosexueller Subkultur. S. 25. Saarbrücken.)

 

Im Sommer 1971 lief in ausgewählten deutschen Kinos Rosa von Praunheims sehr kontrovers diskutierter Film ´Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation in der er lebt´. Die Parole, die er am Ende propagierte, lautete: „Raus aus den Toiletten, rein in die Straßen! FREIHEIT FÜR DIE SCHWULEN!“ Bei allen Kontroversen, die der Film auslöste, gab er wohl der Deutschen Schwulenbewegung den letzten Schub, nachdem man seit Lockerung des Paragraphen 1969 schon eifrig diskutierte, wie man sich in der Öffentlichkeit bemerkbar machen und für seine Rechte eintreten könnte. Kurze Zeit später bildeten sich schwule Emanzipationsgruppen, z.B. die HAW in Berlin, die vermutlich größte Gruppe. Martin Dannecker, Sexualwissenschaftler und Autor, arbeitete am Drehbuch für diesen Film mit. Er war der Kopf der Frankfurter RotZSchwul und gab ihr sehr viele Impulse.

„Wie ich das sehe, hat der Martin (Dannecker) so ein paar Leute zusammengerufen.“ (ebd., S.26) Offensichtlich hatte sich Martin Dannecker sehr viel mit anderen Homosexuellen in den Schwulenkneipen Frankfurts unterhalten und sich die passenden Mitstreiter ausgesucht. Es waren mit einer Ausnahme Studenten.

„Also die Gründungsmitglieder waren Leute, die sich politisch begriffen haben, also linkspolitisch.“ (ebd., S.27)

Martin Dannecker, der sich als einziger in der Gruppe zuvor mit der Thematik ´Homosexualität und Selbstbewusstsein´ beschäftigt hatte, war der Meinung, dass man den Homosexuellen hilft, indem man ihnen die Normen dieser Gesellschaft, ihre Fragwürdigkeit und Irrationalität aufzeigt und ihnen damit hilft, sich selbst nicht als fragwürdig und irrational zu begreifen. Das sei auch die einzige Möglichkeit, ihnen Selbstbewusstsein zu vermitteln (vgl. ebd., S.28).

 

Die Geschichte der RotZSchwul lässt sich in zwei Abschnitte teilen: a) die Zeit von der Gründung im Herbst 1971 (September oder November 1971 – dies kann nach der derzeitigen Quellenlage nicht eindeutig entschieden werden) bis zum Januar 1973 – da war die Gruppe geschlossen, etwa zehn junge Männer arbeiteten hauptsächlich theoretisch, um ein Grundsatzpapier zu erstellen, das die Fundamente für eine politische Plattform für die weitere Emanzipationsarbeit dienen sollte und auf der alles Grundsätzliche zur Homosexualität abgehandelt werden sollte; und b) von Februar 1973 bis zur Errichtung des schwulen Kommunikationszentrum in der Wittelsbacher Allee im Sommer 1975, in der sich die Gruppe für neue Mitglieder öffnete  – in der Anfangszeit dieser Phase gab es mehr öffentliche Aktionen.

 

In der Zeit der geschlossenen Phase versuchte man, theoretisch zu arbeiten, las einerseits Texte zur Unterdrückung der Lohnarbeiter (Material, das alle Linken zur damaligen Zeit lasen) und natürlich Texte zum Thema Homosexualität (z.B. in erster Linie Freud, gleichzeitig den "Feind" Socarides, der Homosexualität als schwere psychische Störung annahm), versuchte sie zu analysieren und auf die eigene Situation anzuwenden.

„Die Subkultur muss sich verändern, weil sie bislang den Homosexuellen nur half, ihre schlechte Lage besser zu ertragen. Sie muss sich verändern, um den Homosexuellen zu helfen, die Voraussetzungen zu verändern, die einen Zusammenschluss der Homosexuellen in den Ghettos der Subkultur verursachten. Die Subkultur muss sich verändern, um die Lage der Homosexuellen zu verändern.“ (zitiert aus dem RotZSchwul-Grundlagenpapier „Die homosexuelle Subkultur“)

Das ist eine These, die die RotZSchwul aufgestellt hat. Sie wollte die anderen Homosexuellen dafür sensibilisieren, dass diese quasi doppelt unterdrückt werden, in einer Gesellschaft, in der alle Menschen unterdrückt werden. Und dass sie sich nur daraus befreien, wenn die Gesellschaft verändert wird, wenn diese „bedürfnisgerecht“ werde, "die Gesellschaft müsse frei werden".

 

 

Die RotZSchwul in der Öffentlichkeit

 

Münster 1972 und Pfingsttreffen der HAW

Brüder & Schwestern, warm oder nicht, Kapitalismus bekämpfen ist unsere Pflicht!“

Diese Aufschrift trägt das Plakat, das Martin Dannecker, auf dem wohl berühmtesten Foto der Schwulenbewegung in den Siebziger Jahren hoch hält. Am 29.4.1972 fand die ERSTE Schwulendemo Deutschlands statt. 200 junge Männer und ein paar Lesben waren bei der Demo anwesend. Andere Quellen sprechen von 300 oder 400 Demonstranten. Ein anderer Spruch auf einem Pappschild: „Lieber ein warmer Bruder als ein kalter Krieger.“ Die Homosexuelle Studentengruppe Münster (HSM) hatte alle bereits existierenden Homosexuellen-Gruppen nach Münster eingeladen. Ziel war die Gründung eines deutschen Dachverbandes der schwulen Aktionsgruppen (DAH).

Es sollte der erste Auftritt der RotZSchwul in der Öffentlichkeit sein. Die RotZSchwul diskutierte darüber, dass die Münsteraner Gruppe offenbar vom „Spartakus“ „gekauft“ sei, wie es in dem entsprechenden Protokoll (Rainer Siewers vom 12.4.1972) ausgedrückt wird. Damit war der Marxistische Studentenbund Spartakus (MSB Spartakus) gemeint, der  von 1971 bis 1990 in der BRD bestand, er war der Deutschen Kommunistischen Partei eng verbunden. Die HSM stand unter Verdacht, integrationistisch zu sein, d.h. für eine angepasste Integration der Homosexuellen in die bestehende Gesellschaft zu sein; mit anderen Worten: der Spartakus galt als dogmatisch, dem Sozialismus nach UDSSR- oder DDR-Konvenienz zu folgen. Die RotZSchwul dagegen war eine „Sponti“-Gruppe, undogmatisch, frei – und überlegte im Vorfeld, ob sie sich diesen anderen Aktionsgruppen anschließen sollten. Im Aufruf der HSM waren für die RotZSchwul folgende Anzeichen dieses „Gekauft seins“ zu finden: Formulierungen wie „kein ´gay is beautiful´, „keine ´Selbstdarstellung´ von Homos“, „Schwule sind unpolitisch“, sonst Phrasen zum Klassenkampf (siehe Protokoll 12.4.1972).

Die RotZSchwul hatte ja einen ganz anderen Standpunkt bei diesem Aspekt, sie war der Meinung, dass man nicht moralisieren darf, dass die „Subkultur“ zum Schwul sein dazugehöre, dass man ALLE Schwulen akzeptieren müsse, wie sie sind – gerade Tunten, Ledertypen und alle anderen, wie Danny Lewis, Gründungsmitglied, in einem Interview erklärt (Interview im Rahmen der StadtteilHistoriker vom Oktober 2012). Die Schwulen sollten sich nicht anpassen, sondern in jeder Lebenslage so sein, wie sie sind. Während konservativere Gruppen (fast alle anderen) gelegentlich gegen Tunten und Paradiesvögel schossen: Das zeigte sich ja bereits beim Film von Rosa von Praunheim:

Es gab etliche Homosexuelle, die befürchteten, dass „dass die Heteros uns wieder ins KZ stecken“ (Rosa von Praunheim in einem Interview, siehe Link) 

(http://einestages.spiegel.de/static/entry/chaos_im_kinosaal/79822/_nicht_der_homosexuelle_ist_pervers_sondern_die_situation_in_der_er_lebt.html), weil die Schwulen in all ihren Klischees gezeigt wurden.

Dass die RotZSchwul in vielerlei Punkten radikaler als die anderen Emanzipationsgruppen war, zeigte sich auch an der Wahl des Plakats für die erste bundesweite dezentrale Aktion praktisch aller Homosexuellen-Gruppen gegen die geplante 2.Reform des Paragraphen 175 durch den Bundestag. Man forderte gemeinsam die Streichung. Der Spruch war: Weg mit dem Paragraphen 175 – die RotZSchwul hatte einen Fleischerhaken und eine Faust auf das Plakat gesetzt, das war den anderen, gemäßigteren Gruppen zu viel. So gab es dann letztlich zwei Varianten.

 

Hans ist schwul!

Für diese Aktion hatten sich die RotZSchwul, die HAF und die Schwule Zelle erstmals zusammen getan. Nach einem Artikel aus der Frankfurter Rundschau, datiert auf Samstag, den 28.4.1973, haben die Aktivisten 3000 Plakate und Handzettel zum Verteilen ausgedruckt.

„Kampf der Diskriminierung in der Familie, am Arbeitsplatz, bei der Wohnungssuche“. Ein erklärtes Ziel der Aktion sei kurz vor der nächsten Gesetzesänderung des Paragraphen 175 neben der Diskriminierung auch auf die Tatsache hinzuweisen, dass sich Homosexuelle erst mit 18 sexuell betätigen dürfen, während Heterosexuelle dies auch schon mit 16 dürften.

Es gibt ein gemeinsames Papier aller Gruppen, das sich um die Veränderung des Paragraphen dreht, auf dem auch ein Spendenkonto verzeichnet ist. Interessant ist der Artikel in der Frankfurter Rundschau vom 30.4.1973, in der ein kurzes Resümee zur Informationsveranstaltung an der Frankfurter Hauptwache gezogen wird:

- 406 Unterschriften wurden von Passanten auf Listen gesetzt, die für eine völlige Streichung des Paragraphen sind.

- Viele Passanten waren jedoch schockiert. Gingen verstört weiter, waren nicht an einer Diskussion interessiert.

- Einer der Organisatoren der Aktion wurde zitiert: „Die Aktion hat bestätigt, wie groß die Scheu vor Sexualität im allgemeinen und Homosexualität ist, so daß es für die Homosexuellen notwendig ist, weiter um ihre Interessen zu kämpfen.“

 

"Klappen"-Aktionen

"Klappen" sind öffentliche Toiletten, in denen Männer unkomplizierten Sex miteinander haben können. Die "Klappen" hatten eine große Bedeutung für die RotZSchwul, insofern das dies die notwendige Realität der Homosexuellen war, so lange es keine Alternativen gab. Das war der Ort in der Subkultur, der vor allem denjenigen reserviert war, die sich nicht outen wollten, Familienväter häufig, Typen, die ihre Homosexualität versteckten, aber auch welche, die auf anderem Wege nicht so leicht an Sex kamen. „Das ist ein Raum, der für uns wichtig ist – den verteidigen wir!“ (Zitat aus dem Flugblatt) Immer wieder wurden Schwule in Klappen kontrolliert und dabei herabwürdigend behandelt, berichtete Georg Linde im Interview. (Interview im Rahmen der StadtteilHistoriker aus dem August 2012) Manchmal wurden sie festgenommen, allerdings verspätet, wenn sie bei ihrer Familie waren oder bei der Arbeit – natürlich, um sie zu demütigen, erzählt er weiter. Und das lange nach Entschärfung des Paragraphen 175. Im Flugblatt vom 23.2.1973 heißt es: „Polizei-Terror: ´Schwule Säue raus!´Dieser Ausruf erfolgte von Zivilbullen, als sie kurze Zeit davor die Tür an der Klappe am Scheffeleck auftraten. Am nächsten Tag stürmten sie die Klappe am Hessendenkmal, sie hatten ihren Schlagstock gezückt und „Jetzt ist aber Schluß!“ geschrien. „Reaktion eines Schwulen: Heute aber waren sie noch gnädig!“ (Flugblatt vom 23.2.1973)

Die RotZSchwulen fragten weiterhin: „Was suchen die Bullen an diesen Treffpunkten, auf die wir angewiesen sind, auch wenn einige von uns das nicht zugeben wollen?“ Diese verschärften Kontrollen seien mit Herstellung von Sicherheit und Ordnung begründet worden, man wolle ebenso die Homosexuellen vor Überfällen schützen (aus einem Antwortschreiben des Polizeipräsidenten Müller vom 7.2.1973 an die Rotzschwul). „Wir verzichten auf solche Beschützer!“, schrieb die RotZSchwul in ihrem Flugblatt. Eher erscheine es ihnen so, als ob sie nicht beschützt würden, eher im Gegenteil, wenn sie verprügelt wurden, suchten die Polizisten die Täter eher bei den Opfern, bei den Schwulen. „Merke: schwul = kriminell!“ So der Eindruck der Aktivisten. Die Schwulen würden eher wegrennen, wenn sie Polizisten sehen, bevor sie erneut diskriminiert und gedemütigt werden. Sie fühlten sich eingeschüchtert, glaubten fast selbst schon, die „Säue“ zu sein, als die sie bezichtigt werden. Diese ständigen Diskriminierungen, nicht nur von Polizeiseite, sondern auch bei der Wohnungssuche und bei der Arbeit muss aufhören, schrieben sie weiter, und riefen zu einem Treffen auf, um die Lage der Homosexuellen zu besprechen. Am Montag, den 26.2.1973, sollten alle Interessierten ab 19.30 Uhr in den Kettenhofweg 51 kommen. Das war übrigens das besetzte Haus, in dem zwei RotZSchwule wohnten. Es wurde kurz später geräumt.

Die RotZSchwul suchte bewusst die Konfrontation mit der Polizei und ging abends zu viel besuchten Klappen, insbesondere zu der im Grüneburgpark. Offensichtlich hatten das die Polizisten gewusst und kamen dann nicht zur Klappe (Aus dem Interview mit Georg Linde, August 2012).

Die RotZSchwulen organisierten in der Klappe am Grüneburgpark am 30.6.1973 ein Fest. Aus den Flyern und Diskussionen konnte ich folgende Annahmen bzw. Intentionen der RotZSchwulen filtern: Viele der Schwulen würden sich in dieser eindeutig geschlossenen Gesellschaft nicht trauen, offen als Schwuler zu leben. Sie stellen sich daher mit diesen anonymen Sexualkontakten zufrieden. In den distanzierten, kühlen Kneipen, in denen sie sich treffen, mit lauter Musik und bestimmten Verhaltensnormen, erleben viele Schwule Frustrationen. Sie finden nicht die Liebe, die sie suchen, und gehen heimlich und schuldgeplagt danach in die Klappen oder in die Parks. So wichtig diese Orte noch sind, es wird angemahnt, dass man sich auf den Klappen doch zu sehr mit wenig zufrieden gebe: „Dort haben wir auf alle menschlichen, sozialen Kontakte verzichtet, und packen schnell den Schwanz einfach an: es ist kein Wunder daß dann der Schwanz so wichtig wird, wenn es der einzige Ersatz wird, für alles an Zärtlichkeit und Gefühl die für uns unmöglich gemacht wird (Aus einem Entwurf eines Flugblatts für diese Aktion).

Aber es wird auch von der Angst gesprochen, davor, dem anderen in die Augen zu blicken, davor, von Freunden und Bekannten dort gesehen und erkannt zu werden, Angst vor dem Verprügelt werden, Angst vor der Kommunikation mit dem anderen, Angst vor der Polizei. Die Schwulen bräuchten einen Ort zum Treffen, mit günstigen Getränken, mit guter Laune, ohne Verstecken, mit viel Offenheit. „Kommt zum Klappenfest! Schwulsein macht Spaß!“

„Das Parkfest war natürlich eine völlige Fehleinschätzung der Bedürfnislage, also der Ebene des Verlangens – es war natürlich sehr viel geiler sich nachts, verboten, zu treffen, als wenn man sich tagsüber traf und miteinander redete.“ (Aus dem Interview mit Georg Linde, August 2012 - hier muss ich aber dazu sagen, dass dies eine rein subjektive Wahrnehmung ist, die von den anderen RotZSchwulen wahrscheinlich so nicht geteilt würde.) Es sei viel bequemer, wenn man rumziehen konnte, wortlos, schauend, ergänzt er. 1969 hatte in den USA Stonewall stattgefunden. Und was sie hier taten, war nach Ansicht Georg Lindes ein „antizipierter CSD“, viele Jahre, bevor es den ersten in Deutschland überhaupt gab. Meines Erachtens sagt er damit, dass dieses Parkfest evtl. eine erste Form der späteren Veranstaltungen in Deutschland war, ein Fest, an dem sich verschiedene Typen von Homosexuellen trafen und in einen Dialog traten, gemeinsam feierten.

In den Worten von Michael Holy (Interview mit Michael Holy, Dezember 2012)

sollte die Party im Grüneburgpark einerseits eine Agitation für die sexuelle Revolution, andererseits eine Teilnahme an den Treiben der Schwulen im Park sein. Die RotZSchwulen wollten sich nicht von den restlichen Schwulen abheben, dieser Teil des schwulen Lebens gehörte einfach dazu. „Wenn die von ihrem Cruisen zurück kommen, wollen wir mit ihnen reden“, zitierte er die Einstellung damals. Das erste Mal erreichte man auch die Schwulen aus der Subkultur, so seine Einschätzung.

 

Häuserkampf und eigenes Schwulenzentrum

In den Neunzehnsiebzigern gab es Häuserkämpfe in Frankfurt, insbesondere im Stadtteil Westend. Berühmte Bewohner und Kämpfer gegen den Kapitalismus und gegen Errichtung von Bürotürmen waren dabei Daniel Cohn-Bendit, heute Europa-Abgeordneter der Grünen, und natürlich Joschka Fischer, ehemaliger hessischer Umweltminister und Bundesaußenminister. Innerhalb dieser Linken Bewegung waren natürlich auch die RotZSchwulen ein Teil dieser Häuserkämpfe, wobei sich hier einerseits die allgemeine Zielsetzung der Linken mit einem besonderen Beweggrund der Gruppe traf: Die Idee schwuler Wohngemeinschaften. Man wollte ja in der RotZSchwul auch über alternative Lebensentwürfe arbeiten. Die Schwulen sollten nicht vereinsamen, sich in die „Einsamkeit der teuren Appartements“ zurückziehen. (vgl. Wackernagel, Barbara (1975): Die Gruppe Rotzschwul. Eine Analyse homosexueller Subkultur. S. 86. Saarbrücken.)

Im Oktober 1973 gründete sich die erste RotZSchwul-Wohngemeinschaft mit fünf Mitgliedern, bis sie im Februar 1974 in einem harten Polizeieinsatz aufgelöst wurde.

„Und dann hat sich dann schon wirklich so eine Solidarität entwickelt, indem wir organisatorisch so geschafft haben, z.B. eine Telefonliste, um gleich anrufen zu können, wenn was los ist, weil wir sagten, die Leute von der RotZSchwul gehen rein ins Haus, um die Leute, die drin sind, einfach zu unterstützen, weil die Leute sehr stark verunsichert waren, so dass wir dort auch unsere Treffen abgehalten haben und die AGs haben sich dort getroffen ...“ (vgl. Wackernagel, Barbara (1975): Die Gruppe Rotzschwul. Eine Analyse homosexueller Subkultur. S. 87. Saarbrücken.)

Es gab auch einen Vertreter der RotZSchwul beim so genannten Häuserrat der besetzten Häuser, in dem man die Strategie und die praktischen Schritte für den "Häuserkampf" miteinander besprach..

In dieser Zeit konzentrierte sich die RotZSchwul auf diese Häuserkämpfe, es gab keine Aktionen nebenher.

Die Gruppe hatte sich geöffnet, man besprach sich viel und hatte ein neues Ziel: ein alternatives Kommunikationszentrum. Dieses wurde später tatsächlich bezogen, und zwar in der Wittelsbacher Allee. Dies wird im Nachhinein als das Ende der Gruppe benannt, doch in der Diplom-Arbeit von Barbara Wackernagel wird deutlich, dass bereits im Vorfeld die Ziele, die einst die Gründungsmitglieder hatten, nicht auf die Weise umgesetzt, wie man sich das erhofft hatte.

 

Schwuler Filmmonat im April 1975

Es war das erste Film-Event in der deutschen Geschichte dieser Art, das die RotZSchwul gemeinsam mit der pupille (Festsaal Studentenhaus) im April 1975 veranstaltete: Der erste Filmmonat mit dem Thema "Homosexualität & Gesellschaft am Beispiel Film". Neben dem FUZZY-Retro (mit mehreren Filmen wie "Fuzzy gegen Tod und Teufel", "Fuzzy´s Kampf ohne Gnade" oder "Fuzzy´s Abenteuer"), mit Filmen von Andy Warhol - "My Hustler", "Couch" oder auch "Love Making", mit Scorpio Rising von Kenneth Anger, mit Filmen von Jean Genet und natürlich mit Filmen von Rosa von Praunheim, insbesondere "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt ..." Gerade, wenn man sich die Fuzzy-Reihe anschaut, fragt man sich, wie das Programm zusammen gestellt wurde. Im Konzept sieht man, dass drei Gruppen von Filmen ausgewählt wurden, die unterschiedlich mit Homosexualität umgehen: die "Verdrängerfilme", die "Clichéfilme" und "Underground- oder Avantgardefilme". Sie alle haben unterschiedliche Herangehensweisen und Ziele, die in anschließenden Diskussionen besprochen werden. Die Veranstalter wollten klar machen, "daß wir Schwulen selbstbewußter werden müssen, daß wir für unsere Interessen kämpfen müssen. Wir können nicht zulassen," so weiter im Text des Konzepts, "daß wir eine Stellung in der Gesellschaft zugewiesen bekommen, in der wir ´toleriert´ werden um bei passender Gelegenheit eins drauf zu kriegen. In diesen Auseinandersetzungen wollen wir uns selbst verändern, unsere Schwächen kennenlernen und gemeinsam verändern. Unser Kampf ist politisch - er muß daher gerade auf der Ebene unserer Bedürfnisse gegen unsere Konditionierung geführt werden. Das schließt auch und besonders ein, daß Schwulsein LUSTVOLL ist." (Konzept "schwuler Filmmonat", rechte Spalte)

 

Der Wert der Arbeit, den die RotZSchwul damals geleistet hat, ist trotz aller Verwerfungen groß zu nennen, die gesamte Schwulenbewegung hat viel für die Emanzipation der Homosexuellen getan, aber insbesondere in Frankfurt hat man innerhalb der Linken Bewegung viel bewegt. Einige der Protagonisten blieben (teilweise mit Pausen) engagiert, andere zogen sich nach diesen politischen Jahren zurück und versuchten ihr Leben beruflich und privat zu meistern.