Von 'bedfellows', 'fairies' und 'faggots'

Oder: Warum das Fagott im Englischen nicht „faggot“ heißt.

Copyright 2014 by Michael Holy, Vortrag, gehalten auf der Jahrestagung des FHG in Göttingen am 28.9.2014 (Die Nutzungs- und Urheberrechte an diesem Text liegen bei der Autorin bzw. dem Autor bzw. den Autor/-innen. Dieser Text steht nicht unter einer Creative-Commons-Lizenz und kann ohne Einwilligung der Rechteinhaber/-innen nicht weitergegeben oder verändert werden)

Der Auslöser
Ein guter Freund, dem ich irgendwann Ende der 1990er Jahre begeistert von meinem Wiedereinstieg in das Musizieren mit dem Fagott erzählte, sagte spontan zu mir: „Ach, du spielst 'faggot'!“ und grinste dabei maliziös, wohl wissend, dass auch unter deutschen Schwulen das amerikanische Schimpfwort für feminine Schwule inzwischen bekannt war, und bisweilen auch zur spielerischen Herabsetzung unter „Schwestern“ benutzt wurde. Ich antwortete mit aller Herablassung, deren ich fähig war, dass das Fagott im Englischen "Bassoon" heisse. Ich konnte allerdings nicht erklären, warum das so war.

 

Der kleine Giftpfeil traf sowohl die Ehre des Fagottisten als auch die Männlichkeit des Schwulen in mir, und weckte meinen Forscherdrang.

Es begann eine langjährige Suche, die mich über die Geschichte des Blasinstrumentes Fagott, zur Geschichte der Häretiker- und Hexenverfolgungen in Europa und schließlich zu den Anfängen gesellschaftlicher Sichtbarkeit der Schwulen in den USA führte.

Ich empfinde meine Forschertätigkeit eher als „fröhliche Wissenschaft“, denn als verbissene Quellenhistorie, was aber nicht heißt, dass ich meine Thesen nicht zu belegen versuche. 

 

 

Zwei etymologische Mythen

 

Ich traf bei meinen Recherchen auf zwei etymologische Mythen:

1. Fagott = Holzbündel
Der Name "Fagott" leite sich vom italienischen "fagotto“ her,
was soviel wie "Holzbündel" heiße, weil das Instrument aus mehreren Teilen "zusammengebündelt" wird. (Vgl. www.dwds.de/Fagott)

2. Mythe: faggots = schwule Häretiker
Das amerikanische Schimpfwort "faggot" für feminine homosexuelle Männer erinnere daran, dass homosexuelle Männer und Frauen seit dem Mittelalter bis in die frühe Neuzeit hinein wie Häretiker zum Tod verurteilt, und mittels "faggots" (i.e. Holzbündeln) grausam verbrannt wurden.

 

Ich werde mich hier auf die Untersuchung der "faggots"-Mythen beschränken.

 

 

„Tuntenstreit“ auf amerikanisch

1981 veröffentlicht Gay Books Bulletin einen Essay von Warren Johansson (i.e. Philip Joseph Wallfield), einem US-amerikanischen Autor, Philologen und LGBT-Aktivisten

„The Etymology of the Word Faggot“

Der Essay besteht aus einer redaktionellen Vorbemerkung, sowie einem Text, der auf einen privaten Brief Johansson's aus dem Jahre 1975 zurückging plus einem Addendum mit vertiefenden etymologischen Forschungen zum Ursprung des Wortes „faggot“. In der redaktionellen Vorbemerkung folgt ein Beispiel-Zitat für den Mythos ohne Quellenangabe:

„During the Spanish Inquisition when heretics were burned at the stake, presumed male homosexuals were considered the only thing low enough to help kindle the fires.
Bundled up with faggots of wood, they were tied to the base of the stake at which the heretic was to die. Some say that was the same procedure as used during the witch burnings at Salem , Massachusetts“. (Quelle: Gay Books Bulletin, 1981)

 

Diese Vorbemerkung sowie die Argumentation von Johansson deuten daraufhin, dass es hier weniger um eine wissenschaftlichen Klärung der Etymologie von "faggot" geht, sondern um eine heftige ideologische Auseinandersetzung innerhalb der amerikanischen Schwulenbewegung. (vgl. Haggerty (2000): Encyclopedia of Gay History and Culture, S. 301)

 

Wer der Gegner sein könnte bleibt indes unklar, weil der oder die Autoren des Zitates nicht genannt werden, und ihnen damit gewissermaßen die Überprüfbarkeit genommen wird.

 

 

Chronologie der Auseinandersetzung um „faggot“


Der ideologische Streit um die Herkunft des Schimpfwortes "faggot" fand in den 1970er und 1980er Jahren nicht im luftleeren Raum statt.

 

1970   

erscheint im „Advocate“ eine kurze Notiz „Fry another faggot“ mit etymologischen Erläuterungen von Schimpfworte für schwule Männer.

1973

veröffentlicht der radikale Gay-Aktivist Arthur Evans erste Ergebnisse seiner Forschungen, dass über die Vorläufer der „gay counterculture“ der 1970er Jahre in der Kultur der sogenannten "Hexen" des Mittelalters im New Yorker Magazin „OUT!“ (Text-Quelle liegt mir nicht vor)

1975

schreibt der Philologe und Schwulenaktivist Warren Johansson einen privaten Brief über die Etymologie des Wortes „Faggots“, in dem er sich ebenfalls ohne Quellenangabe mit den Verfechtern der „faggot“-Mythe auseinandersetzt, die besagt, dass Homosexuelle als "faggots" beschimpft werden, weil sie wie Hexen und Häretiker mittels Holzbündel (im Englischen und Französischen "faggots" bzw. "fagots") von der Inquisition oder weltlichen Gerichten verbrannt wurden.

1976

Hält Evans seine berühmt gewordenen „Fairy-Lectures“ über die mittelalterlichen Vorläufer der gay counterculture und deren Verfolgung durch die Herrschenden.

 

1977

Larry Mitchel „The Faggots and their friends between the Revolutions“ erscheint. Es handelt sich um eine literarisch-ideologische Hommage an die nicht-männlichen Männer als subversive "Helden" innerhalb der patriarchalischen Geschichte.

 

1978

erscheint Larry Kramers satirische Novelle „Faggots“, in dem er sich kritisch mit der Fetischisierung und Kommerzialisierung der schwulen Szene in den USA auseinandersetzt. (Vgl. Haggerty (2000): Encyclopedia of Gay History and Culture, S.522). In gewisser Weise bringt er die von Homo-Feinden gemeinten Inhalte des Schimpfwortes mit der Realität der Community in Deckung. Es wird hier zu einer kritisch gemeinten Selbstbezeichnung.

Im gleichen Jahr erscheint auch das Buch „Witchcraft and the Gay Counterculture“ von Arthur Evans, in dem er die Verfolgung von Überresten paganer Riten als "Hexensabat" in der frühen Neuzeit mit der Verfolgung von „Schwulen“ und „Lesben“ in Verbindung bringt.

 

1979

Die „Spiritual Conference for Radical Fairies“ kann als Beginn der linken, antipatriarchalischen „Radikalen Tunten“-Bewegung in den USA angesehen werden. Diese Bewegung hat sich danach über Europa in die ganze Welt ausgebreitet.

 

1981

druckt Gay Bulletin das Addendum von Johansson zur Etymologie von „faggot“, offenbar als Streitschrift gegen die als irrational empfundene Ideologie der „fairy“-Bewegung.

 

1990

veröffentlicht Wayne R. Dynes zusammen mit Warren Johansson u.A. die „Encyclopedia of Homosexuality“. Darin der Essay „faggot“ mit Bezug auf den Text von Johansson aus dem Jahre 1981

 

2008

In dem Online-portal "Homolexis Glossary" veröffentlicht Wayne R. Dynes eine aktualisierte Fassung des Artikels "faggot", der auf Warren Johanssons Essay von 1981 verweist. (http://www.sexarchive.info/BIB/Homolexis/index.htm, abgerufen, 22.10.2014)

 

Bis heute finden sich im Internet zahllose Beiträge, die sich mit der Bedeutung und Entstehung des Schimpfwortes „faggots“ für schwule Männer befassen. Dabei spielt die Mythe, dass „faggots“ sich vom Verbrennen der Homosexuellen herleite, weiterhin eine große Rolle. Es ist, als erzähle sich diese Mythe von selber, als liege sie aus der Sicht der schwulen Männer nahe. In Wahrheit ist es unsere projektive Identifikation
mit den Opfern grausamer Verfolgung durch Kirche und Staat, die uns diese Geschichte erzählen lässt.
 
Es ist daher nicht trivial, sich mit der Geschichte dieses Schimpfwortes zu befassen, das auch als Selbstbezeichnung unter Homosexuellen Männern verwendet wurde und wird.

 

 

Tradierungsformen der Mythe

 

1977 fantasierte die englische Theatergruppe „Gay Sweat Shop“ in ihrem Theaterstück „As time goes by“ die Mythe folgendermaßen aus:

"In the Middle Ages they burned witches. Witches were usually woman who lived without men. So they burned the lesbians; and when doing so, they tied together in bundles men who loved each other, to kindle the fire at the feet of the woman.

These were the faggots. And the story continues."

(Quelle: Two gay sweatshop plays, Greig  Noel/ Drew Griffiths, London 1981, S. 70)

 

1978 behauptet Arthur Evans in „Witchcraft and the Gay Counterculture“, eine historische Herleitung für das Schimpfwort "faggots" gefunden zu haben. 

"The history of the word 'faggot' reveals intimate connection between Gay men, heresy and witchcraft. Both, witches and heretics were regulary burned on bundle of sticks called 'faggots.' In the popular speech of the time expressions popped up like 'fire and faggots' or 'to fry a faggot,' suggesting that the victims themselves were called 'faggots.'" (S.12)

 

In Kapitel 4 "Heretics: Women, Buggers and Free Spirits" (S. 51 ff.) versucht Evans den Zusammenhang zwischen der mittelalterlichen Verfolgung von Katharern und der kirchenkritischen Beginen/Begarden-Bewegung und Homosexualität zu belegen. "From the very start, beguines, beghards and Free Spirits were accused of being Lesbans and Gay men".

 

Evans Herleitung der Wortbedeutung "faggots" ist relativ leicht zu widerlegen.

 

Die von ihm zitierten Redewendungen stammen samt und sonders aus dem "Oxford English Dictionary", wo sie zwischen 1555 und dem 18. Jahrhundert datiert werden. Es ist ganz offensichtlich, dass sich diese Redewendungen nicht auf die mittelalterlichen Katharer (13. und 14. Jahrhundert) beziehen, sondern auf die anti-papistische Bewegung der "Lollarden." Diese wurde zwar bereits Ende des 14. Jahrhunderts von John Wycliff initiiert; erste Verfolgungswellen gab es jedoch erst seit dem Ende des 15. und 16. Jahrhunderts in England. Vor allem die Schandstrafe des "faggot bearing" scheint sich erst im 16. Jahrhunderts etabliert zu haben. Sie wurde offenbar ausschließlich in England auf Häretiker angewendet, wenn sie bereit waren, ihren Irrglauben zu widerrufen. Sie wurden dann dazu verurteilt, in der Öffentlichkeit ein "faggot", also ein Bündel Brennholz, zu tragen als Symbol dafür, what they had deserved" (OED), also, was sie eigentlich verdient hätten. In dem Buch "Den Irrtum verbrennen" von Thomas Werner findet sich in Abbildung 48 (S. 208 ff.) ein direkter ikonographischer Beleg für diese Sitte. Ein alter Holzstich von 1570 posiert ein Büßer mit einem 'faggot' auf den Schultern während der Sonntagspredigt in einer katholischen Kirche.

 

Die protestantischen Häretiker des 16. und 17. Jahrhunderts standen nun gerade nicht im Rufe, homosexuellen Ausschweifungen zuzuneigen, im Gegenteil, sie warfen solche Ausschweifungen dem katholischen Klerus vor, der ja nicht heiraten durfte.

 

 

Homosexualitäts relevante Konnotationen des Wortes "faggot"


In ihrer Fixierung auf die Unterdrückungsperspektive,

Evans: faggots = Holzbündel zum Verbrennen von Häretikern und Hexen
Johansson/Dynes: faggot = altes wertloses Weib, Prostituierte, effeminierter Homosexueller

übersehen beide eine sehr naheliegende Konnotation von „faggot“, welche sich in dem von Johansson zitierten „Dictionary of Slang and Coloquial English“ von Farmer und Henley, das 1912 zeitgleich in London und New York publiziert wird, finden lässt:

bed- or straw-faggot, a wife, or mistress;

 

Hier wird ertsmals eine Verbindung von „faggot“ zu „miteinander schlafen“ herstellt, auch wenn es sich eindeutig um heterosexuellen Beischlaf handelt.

 

Mich hat diese Entdeckung elektrisiert und ich begann im Internet systematisch nach Wortbedeutungen und Konnotationen von „bed-faggot“ zu suchen.

Ich wurde fündig in Roger Ekirch's Buch "At Day’s Close: Night in Times Past" (S. 208), einem Buch über abendländische Schlafsitten.

 

Zitat:

"By the eighteenth century, communal sleep inspired widespread disdain among the gentle classes, likely spawing the contemptuous term „bedfaggot“. Many religious leaders added their voice, condemning the morality of families in common beds.

Yet, often, even in middle class households, bedfellows were thought a blessing. Sleeping beside a familiar soul, whether a familiy member, a fellow servant, or a friend brought advantages. Beyond enjoying another's warmth or saving costs for another bed. Lying side by side in the dark, bedfellows proved more willing to transgress social mores.

Male servants consigned to the same bed might engange in homosexual relations." (S. 208)

 

Es gab offenbar eine positive Sichtweise des gemeinsam in einem Bett Schlafens. Der "bed-fellow" bot Schutz vor Kälte und Einsamkeit, und es konnte auch zu heimlichen, bisweilen unbotmäßigen Sexualkontakten kommen.

 

Es lohnt sich, die Geschichte des Wortes "bed-fellow" ein wenig nachzuzeichnen:

 

um 1300:     Bedsister = husbands concubine

um 1300:     Bedfellow = close friend, roommate

um 1312:     Bed-fere = companion, wife, man, slave

1348:           Venice, two servants caught sharing a bed, confess under torture to

                    sodomy. One is burned alive in front of the Doge's Palace.

um 1485:     Bedfellow = concubine

 

um 1621:     Sir Francis Bacon's loved a Welsh serving-men, in particular a "very

                   effeminate-faced youth" whom he calls "his catamite and bed-fellow"

 

um 1642      Bedfellow: it was formerly customary for men even of the highest rank to

                   slepp togehter; and the term bedfellow implied great intimacy...

                   Cromwell is said to have obtained much of his intelligence during the civil

                   wars from the common men with whom he slept. (Quelle: A dictionary of

                   archaic and provincial words, obsolete phrases from fourteenth century,

                   Band 1, von James Orchard Halliwell- Phillipps, S. 157)

1826            Thomas Jefferson, der 3. Präsident der USA, schrieb in einem Brief an

                   James Hammond, seinen „bed-fellow“:

                   „I feel some inclination to learn whether you yet sleep in your Shirt-tail,

                   and whether you yet have the extravagant delight of poking and

                   punching a writhing bedfellow with your long fleshen pole – the exquisite

                   touches of which I have often had the honor of feeling? The day of

                   miracles may not be past, and the flaming excess of your lustful appetite

                   may drag down the vengeance of supernal power.“

 

1837:           Lincoln met Joshua Fry Speed in Springfield, Illinois, in 1837. They lived

                    together for four years, during which time they occupied the same bed

                    during the night (some sources specify a large double bed) and

                   developed a friendship that would last until their deaths.


                    In 1837 wrote Dodd about a fellow student: „Often too he shared my

                    pillow...“

 

Von dieser bisweilen leidenschaftlichen Beschreibung körperlicher Nähe und Wärme („flaming excess") bis zum deutschen „Warmer Bruder“ ist es kein weiter Schritt, wenn man davon ausgeht, dass auch im deutschsprachigen Raum das Schlafen im gemeinsamen Bett bis in die Neuzeit hinein üblich war.

"Warmer Bruder" wurde erstmalig 1845 in der kriminal-soziologischen Studie "Die Diebe99 in Berlin oder Darstellung ihres Entstehens, ihrer Organisation, ihrer Verbindungen, ihrer Taktik, ihrer Gewohnheiten und ihrer Sprache. [Zur Belehrung für Polizeibeamte und zur Warnung für das Publikum nach praktischen Erfahrungen erläutert]" von Carl Wilhelm Zimmermann erwähnt). In den proletarischen Subkulturen der Großstadt überlebte das gemeinsame Schlafen in einem Bett schon allein aus ökonomischer Not.

 

 

Aus "bedfellow wird "bedfaggot"

Wie aber konnte Mitte des 19. Jahrhunderts aus dem intimen "bedfellow" ein verachtetes "bedfaggot" werden?

 

Wir lesen im General Dictionary of Provincialism von William Holloway, London, 1840:

S.10: bed-fagot = contemptuous name for a bedfellow;

S.10: fagot = a opprobious name applied to a woman, as „get out you fagot“ (vgl. bugger off). „she's a dirty fagot“. Dialekt von Norfolk und Sussex

Das unschuldige Wort bedfellow oder bed-fellow kommt als eigener Eintrag nicht mehr vor. Diese Verschiebung gilt natürlich zunächst nur für das englische Mutterland.

 

Gibt es von dieser Umwertung von "bedfellow" zum verächtlich "bed-fagot" eine nachvollziehbare historische Entwicklung in England bis hin zum ersten Beleg für die Verwendung dieses Epithets auf männliche Homosexuelle in dem bereits erwähnten "Vocabulary of Criminal Slang" von Jackson und Hellyer, Portland, Oregon, 1914, wo es heisst:

 

"All the fagots (sissies) will be dressed in drag at the ball tonight."

 

Wo ist der Bezug auf das gemeinsame Bett geblieben? Warum kann man eine gewisse misogyne Verachtung heraushören? Warum taucht dieses Slang-Wort im Umfeld

 

Der US-Autor Wayne R. Dynes erwähnt unter dem Stichwort "faggot" weder die mögliche Konnotation "bedfellow", noch erklärt er, warum "this contemptuous slang term for male homosexual carries overtones of effeminacy and cowardice." (http://www.sexarchive.info/BIB/Homolexis/index.htm, 22.10.14).Er reproduziert damit lediglich die diffamierend gemeinte Identifikation homosexueller Männer mit weiblichem Gehabe durch die Gesellschaft, ohne sie zu erklären.

 

Insbesondere aber negiert Dynes die Forschungsergebnisse von George Chauncey, die dieser in seiner grundlegender Studie über frühe Formen einer selbstbewussten homosexuellen Subkultur im New York der 1920er Jahre unter dem Titel "Gay New York" veröffentlicht hat. (Chauncey, 1995)

 

Darin wird die Verwendung von "faggot" (oder amerikanischer: "fagot") als ironische Selbstbezeichnung innerhalb der homosexuellen Subkultur New Yorks vielfältig dokumentiert, vor allem als selbst in der Presse zitierter Name für die legendären Masquerade-Bälle in der Freimaurer-Loge "The Hamilton Lodge of the Grand United Order of Odd Fellows" in Harlem. Diese Bälle, von denen nicht genau bekannt ist, wann sie von den "drag-queens" quasi unterwandert wurden, gab es in der Loge seit 1869:

 

Die Online Seite "glbtq" berichtet in ihrer Chronologie queerer Geschichte in den USA:

"Outside the former slaveholding South, same-gender loving and gender non-conforming African Americans began to organize and attend drag events in the mid- to late nineteenth century. The masquerade ball of Harlem's Hamilton Lodge, which became the largest annual gathering of glbtq people in New York, was first held in 1869. By the 1890s, drag balls were popular in the black communities of many other northern and mid-Atlantic cities" (http://www.glbtq.com/social-sciences/african_americans.html, 22.10.14)

 

Wir haben hier einen Hinweis, dass schwule schwarze Männer die freieren Verhältnisse in nordamerikanischen Städten dazu nutzten, "to organize and attend drag events in the mid- to late nineteenth century". Mit historischen Quellen belegt sind diese frühen "drag balls" auf der Webseite leider nicht.

 

Jedenfalls liefern diese und Chaunceys Beschreibungen Hinweise, dass der Satz: "All these fagots (sissies) will be dressed in drag at the ball tonight", sich auf eine in nordamerikanischen Städten nicht ungewöhnliche Situation beziehen, und dass das Wort "fagots" ein Slangwort war, das heisst: es wurde nicht von der Gesellschaft auf die "degenerates" angewendet, sondern innerhalb der eigenen Subkultur als ironische Selbstbezeichnung verwendet.

 


"But African Americans faced arrest if they publicly cross-dressed beyond licensed masquerade balls. For example, "Miss Maud," a 30-year-old black drag queen, was arrested for vagrancy following a New Year's Eve drag gathering in Washington, D.C. in 1885. Although the judge "admired his stylish appearance," he nevertheless received a three-month jail sentence."

 

 

Many of the leading figures of what became known as the Harlem Renaissance were glbtq, including writers Wallace Thurman, Richard Bruce Nugent, Angelina Weld Grimké, Countee Cullen, Claude McKay, and possibly Langston Hughes; blues singers Bessie Smith, Ma Rainey, Alberta Hunter, Ethel Waters, and Gladys Bentley; and patrons Alain Locke and A'Lelia Walker.

Many historians have considered how a renewed sense of race consciousness contributed to the development of the Harlem Renaissance, but less discussed is the significance for many of the writers and artists of being glbtq and being involved in the flourishing black glbtq culture. Whether including glbtq characters in their fiction and poetry, describing Harlem's glbtq nightlife, or singing about their attraction to others of the same sex, their work was firmly rooted in being both African American and glbtq.

(http://www.glbtq.com/social-sciences/african_americans.html, 22.10.14)

 

 

Wie kam diese Verbindung von fagot - homosexual - effeminacy in der USA zustande?

 

Zunächst ist es wichtig, das Zitat aus dem "Vocabulary of criminal Slang" von Jackson und Hellyer komplett zu zitieren:

 

"Among female impersonators on the stage and men of dual sex instincts 'drag' denotes female attire donned by a male. Example: 'All the fagots (sissies) will be dressed in drag at the ball tonight'"

 

Die Bezeichnung "fagots" wird also in einem Eintrag quasi en passant verwendet, das eigentlich die Verwendung des Slangausdrucls "drag" erläutern soll. Und das Wort als Bezeichnung für Männer in Frauenkleidern scheint so wenig abgesichert zu sein, dass Jackson und Hellyer meinen, es durch das bereits etablierte Wort "sissie" ergänzen zu müssen.

 

Ebenso wird in den späteren Zitierweisen dieser ersten schriftlichen Erwähnung von "fagots" nicht mehr auf den Kontext verwiesen, in dem es verwendet wurde: "Among female impersonators on the stage and men of dual sex instincts". "Female impersonators" waren und sind Männer, die Frauenrollen imitieren oder parodieren. Sie waren nicht notwendigerweise Homosexuelle.

 

Dieser Kontext war in den USA keineswegs ausschließlich homosexuell konnotiert. "Female Impersonators", zumal wenn sie professionell auftraten, konnten durchaus verheiratet sein und Kinder haben. (Vgl. die folgende Webseite über schwarze Cross-Dresser in "Callender's Georgia Minstrels"-Show: "McIntosh, Tom, Birth Year : 1840, Death Year : 1904. McIntosh, born in Lexington, KY, was a comedian who had his greatest success with Callender's Georgia Minstrels. In addition to his great comedic talent, McIntosh was also an exhibition drummer and singer. During his career, he teamed with female impersonator Willis Ganze, performing on some of the leading circuits in the U.S. He then teamed with his wife, Hattie McIntosh, for a short period."

 

Und die Gruppe der "men with dual sex instincts" müssen wir uns eventuell in den USA als bedeutender vorstellen als die Gruppe der "reinen" Homosexuellen. (Vgl. auch die Ergebnisse der empiriachen Studien von A.Kinsey). Chauncey berichtet in seinem bereit erwähnten Buch "Gay New York" von einer ausgedehnten "bachellor Culture", also von schwarzen Junggesellen im New Yorker Stadtteil Harlem währen der sogenannten "Harlem Renaisance". Für diese offenbar bisexuell orientierten jungen Schwarzen waren die "faggots" in ihren selbstinszenierten Frauenrollen offenbar ein attraktiver "Ersatz" für heiratswillige Frauen.

 

 

Vor den "faggots" gab es die "fairies"

 

Doch zunächst ist es wichtig, sich klar zu machen, dass einige Jahrzehnte bevor "faggots" eine Selbstbezeichnung unter Homosexuellen in den USA wurde, und später zu einem Schimpfwort verkam, sich bereits eine ganze Reihe von selbstironischen Worten im Amerikanischen etabliert hatte. So schreibt Chauncey (1994, 30): "The meaning of the word 'gay' began to change as early as 1870 among the criminal classes of New York, where it originally meant 'prostitute'". Und in einem Informationsblatt für lateinamerikanische Touristen wurde ebenfalls im Jahr 1870 bereits vor "fairies" gewarnt, die sich auf den Strassen von Soho (New York) herumtrieben. (Auch Chauncey?).

 

Auch in einer Untersuchung des sogenannten "Mazet Committee's" von 1899-1900 über männliche Prostitution in New York spricht einer der befragten Polizei-Offiziere, Police Captain James K. Price, auf die Frage, wen er in einem eischlägig bekannten "Künstlerclub" verhaftet habe: "All the Nancys and fairies that were there".Und auf die Nachfrage "What do you mean by that-male prostitutes, male prostitutes? A.: Degenerates, yes, do you know what that is" (Quelle: http://outhistory.org/oldwiki/New_York_State_Investigation_

of_New_York_City:_May_16,_1899; abgerufen 9.11.2014)

 

Hier wird deutlich, dass effeminierte Homosexuelle in New York eher als "Nancies" oder "Fairies" bezeichnet wurden. Von diesen versuchten sich wiederum andere, die nicht effeminiert sein wollten, abzusetzen: "Chauncey, Gay New York: „some gay people applied 'queer' to themselves with the particular intention of separating themselves from other homosexual males who displayed feminine characteristics, the latter being termed 'fairies' and 'faggots'.“ (Aus: Haggerty, Encyclopedia of Gay History..., S. 724)

 

War es eine Fremd- oder eine Selbstbezeichnung?

Die Selbstbezeichnung könnte sich darauf beziehen, dass die Mitglieder der sich herausbildenden gay subculture sich fühlten wie die "fairies", die nach keltischem Glauben in einer "otherworld" ("Anderswelt"!) lebten,gewissermaßen in einem Parallel-Universum zur realen Welt. Diese Assoziation erlaubte sowohl ein "social dreaming" (Quelle: N.N., S.) von einer besseren Welt, in der die Lust und das Vergnügen wichtiger sind als Moral und Geld, als auch die Affirmation einer Effeminiertheit als Rolle, als Selbstinszenierung mangels akzeptierter sozialer Rollen in den herrschenden Heteronormativität.

 

Das passende Wort im Deutschen zu dieser Vorstellung ist "verzaubert".

 

Vielleicht wurde in der Subkultur "faggot" als Gegenstück zu "fairies" kreiert, um auszudrücken: "Was!? Feen sollen das sein? Das sind billige Prostituierte!"

 

Dass "fairies" durch Dämonisierung der Kirchen zu "witches" wurden, wird von Johansson ebenfalls nicht erwähnt. Johansson verweist zwar darauf, dass in England Hexen (außer in Schottland) nicht verbrannt wurden. Aber der Fall von Jeanne d'Arc zeigt, dass die englischen Ankläger das Geständnis von Jeanne so drehten, dass sie als Rückfalltäterin verbrannt wurde, nachdem man ihr zuvor bereits brennende "fagots" gezeigt hatte, um ihr ein Geständnis abzupressen.

 

Bei Chauncey finden wir den Hinweis, dass "faggots" insbesondere in der schwarzen Community gebräuchlich war. (Seite??). (Die Meinung findet sich übrigens auch im "Dictionary of American Regional English".) Vielleicht finden wir irgendwann heraus, dass die "fairies" die weissen effeminierten Schwulen waren und die "faggots" die Schwarzen.(?)

 

In Homolexis lesen wir: "In former times the adjective flaming was a common descriptor for an extravagant, exhibitionist gay man, as in the expression 'flaming faggot.' A synonym is flamboyant, though this seems to have no specifically sexual connotation" (http://www.sexarchive.info/BIB/Homolexis/index.htm, abgerufen, 22.10.2014)

 

Resümee:

Es liegt nahe, dieser negativen Wandlung des Wortes "faggot" einen gesellschaftlichen Prozess zu unterstellen, der aus dem unverdächtigen "bed-fellow" ein "bed-faggot" und letztlich "faggot" werden ließ. Es dürfte sich um den Prozess handeln, den Foucault in "Sexualität und Wahrheit" mit seinem berühmten Satz beschrieben hat:

"Als eine der Gestalten der Sexualität ist die Homosexualität aufgetaucht, als sie von der Praktik der Sodomie zu einer Art innerer Androgynie, einem Hermaphroditismus der Seele herabgedrückt worden ist. Der Sodomit war ein Gestrauchelter. der Homosexuelle ist eine Spezies.“ (Michel Foucault: Der Wille zum Wissen, übers. v. U. Raulff u.W. Seitter, Frankfurt a.M. 1977, S. 58)

 

Bei der Untersuchung der Geschichte des Schimpfwortes "faggot" muss man sich immer wieder klar machen, dass es letztlich nicht darauf ankom mt, was "wahr" gewesen ist, sondern, welche Wortbedeutungen "geglaubt" wurden und welche dabei durch historische Vorkommnisse untermauert wurden.

 

Johansson hatte vielleicht mehr Recht als ihm lieb ist, als er sagte "The word 'faggot' usurped the hateful meaning of the english 'bugger'". (Quelle:??). Könnte es nicht sein, dass aus "bugger", dessen Ketzeer bezogener Kontext, dass diese Ketzer verbrannt wurden, bekannt war, ebenso wie die Assoziierung von "bugger" mit dem aktiv verführenden Sodomiten unter dem Eindruck der Feminisierung des sichtbaren Teils der Homosexuellen und unter Identifizierung von "faggot" mit ablehnendswerten weiblichen Eigenschaften das Schimpfwort "faggots" entstand?

 

Warum es gerade in den USA zu einer Verknüpfung von "faggot" mit "effeminierter Homosexueller" kam, ist eine komplexe Geschichte, die hier noch nachzutragen sein wird.

 

Was Johansson nicht in Betracht zieht, ist die Möglichkeit, dass das, was er "urban myth of the 20th century" nennt, eine wirkmächtige "Volksetymologie" sein könnte, d.h. die Mythe schafft neue Sprachtatsachen, obwohl die Volksetymologie historisch Unrecht hat. (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Volksetymologie, abgerufen 29.12.14)

 

Jonathon Green schreibt in der Einleitung zu seinem Buch "Crooked Talk: Five hundred Years of the Language of Crime" von 2011: "The essence of all forms of slang is secrecy, the deliberate masking of what one does by the terms in which one discuss it."Das Schimpfwort "faggot" ist ausweislich des ersten schriftlichen Nachweises im "Vocabulary of Criminal Slang" von Jackson und Hellyervon 1914 ein Wort, das in der Halb- und Unterwelt entstanden ist und genutzt wurde. Es ist also kein Schimpfwort des Bürgertums.

Und Green fährt an anderer Stelle fort: "A commodity being something available for sale or trade, the woman and her body are seen as no more than pieces of merchandise." Das ist der Kern von "faggot": eine Sache!

 

Anatol Liberman, Professor für Germanische Philologie an der Universität von Minnesota, schrieb 2007 in einem Online-Blog für Etymologen über die beiden verwandten, aber nicht synonymen englischen Worte "pimp" = kleines Holzbündel, aber auch "Zuhälter" und "faggot":  "Pimp 'pander, provider of sex' and faggot ~ fag are not synonyms, but both emerged with reference to disdained forms of social behavior, and no other part of vocabulary is so mercilessly rude as is the vocabulary of the sexual sphere." Es wäre demnach müßig, nach einer direkten Wortbedeutungsbrücke von "Bündel" zu "Homosexueller" zu suchen, sondern einfach den Willen zur Diffamierung einer sozialen Gruppe verantwortlich dafür zu machen. Das Wort "faggot" hat über die Jahrhunderte so viele negative Assoziation an sich gezogen, dass es sich bis heute als Mittel der Ausgrenzung eignet.

 

In den Diskussionsbeiträgen zum Schimpfwort "faggot" wird außerdem zu wenig Bezug genommen auf die beeindruckende "Karriere", die dieses Schimpfwort für effeminierte Homosexuelle seit den 1970er Jahren erlebt hat. So lassen sich zum Beispiel auf der Webseite "www.lyrics.net" 974 Songtexte finden, in denen das Wort "faggot" vorkommt, sei es in Schwule diffamierende Weise, sei es als Beschreibung der Erniedrigung, die schwulen Männern in der Gesellschaft widerfährt.

 

Das erste Vorkommen von "faggot" von 1914 erscheint gegenüber dieser "modernen" Verwendung seltsam altmodisch.

 

 

Pimp “pander, provider of sex” and faggot ~ fag are not synonyms, but both emerged with reference to disdained forms of social behavior, and no other part of vocabulary is so mercilessly rude as is the vocabulary of the sexual sphere. - See more at: http://blog.oup.com/2007/06/part_two/#sthash.c3QWwn5c.dpuf

 

Pimp “pander, provider of sex” and faggot ~ fag are not synonyms, but both emerged with reference to disdained forms of social behavior, and no other part of vocabulary is so mercilessly rude as is the vocabulary of the sexual sphere. - See more at: http://blog.oup.com/2007/06/part_two/#sthash.c3QWwn5c.dpuf